September 2011. Erinnert ihr euch noch an das Märchen der Gebrüder Grimm? Die schlafende Prinzessin in ihrem Dornenschloss, die von einem tapferen Recken befreit wurde.
Mein Dornröschen heißt Holly und lebt im Dornbusch. Nein, das ist kein garstiges Gestrüpp am Wegesrand, sondern eine beschauliche Wohngegend mitten in Frankfurt. Und der tapfere Recke in unserem Märchen ist niemand anderes als ich.
„Ich bin der Märchenprinz, ich bin der Märchenprinz, in der Provinz bin ich der Märchenprinz ...,“
trällerte ich zur allgemeinen Verunsicherung meiner Begleitung, als ich mich zu ihr auf den Weg machte.
Sehr unsanft holte mich aber mein Schirrmeister auf den Boden der Tatsachen zurück: „Wenn du überhaupt zur Märchenfigur taugst, dann höchstens als Kreuzung zwischen Rumpelstilzchen und tapferen Schneiderlein!“
Was hat er gegen meinen Bart? Und warum regt er sich auf, dass ich gelegentlich zu großzügiger Auslegung neige, wenn ich meine Abenteuer beschreibe? Dabei schaltet jeder Lügendetektor auf „ERROR“, sobald mein Münchhausen-Double nur den Mund aufmacht. Im Vergleich zu ihm bin ich doch geradezu ein Wahrheitsfanatiker.
Endlich hatte ich mein Ziel erreicht. Hollys Zweitwohnsitz. „Ich will hier rein!“, rüttelte ich an der Eingangspforte wie seinerzeit Möchtegernkanzler Schröder, als er im jugendlichen Überschwang das Tor zum Kanzleramt aus den Angeln hob.
Holly erwartete mich im Garten. Mein irisches Tausendschön strahlte nur so vor Liebreiz und Anmut. Der dunkle Glanz ihrer Augen ähnelte der Südsee im Mondschein, ihr Haar war wie aus rotem Gold gesponnen und das lustvolle Spiel ihrer Ohren erinnerte mich an Olivenzweige der Provence, wenn sie der Mistral streift.
Unsere erste Begegnung war spannungsgeladener als ein Schweißtrafo. Sie zeigte sich reserviert und hüstelte gelegentlich, wie es Damen von hohem Stande eben tun, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Doch schon bald kamen wir uns näher und ich gewann ihr Vertrauen.
Mir war, als flüsterte sie wie die Prinzessin im Märchen: „Endlich habt Ihr mich gefunden! Ich erwartete Euch so sehnsüchtig, während ich schlief.“ Vielleicht war es aber auch nur meine Fantasie, die mir wieder mal ein Schnippchen schlug.
Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen, um gemeinsam zum Löseplatz zu lustwandeln. Zurück zum Hotel markierte ich den Weg von Hollys Haus bis zu unserer Herberge genauso exakt wie Hänsel und Gretel es taten, als sie von ihren Eltern in den Wald gebracht wurden. Ich musste dieses Anwesen unbedingt wiederfinden.
Nein, Brotkrumen verwendete ich nicht … man weiß ja wie das endet.
Punkt 8 jeden Tag stand ich nun am Ende ihrer Straße und wartete auf mein Dornröschen. Jetzt konnte auch sie es kaum erwarten mich wiederzusehen.
Zu zweit streiften wir durch die große Stadt. Sie zeigte mir alle Sehenswürdigkeiten, die das Herz eines Hundes erfreuen können.
Schattige Plätze im Arboretum.
Eine Landpartie am Mainufer.
Wir querten den Fluss über den eisernen Steg,eine im Jahre 1868 erbaute Fußgängerbrücke, die den Römerberg mit dem Stadtteil Sachsenhausen verbindet.
Wagehalsig ging sie auf Entenjagd …
… und hielt mich besorgt zurück, als ich es ihr gleichtun wollte.
Für größere Ausflüge lud ich sie in meine Equipage ein …
… und sie erwies sich als begeisterte Beifahrerin.
Viel zu schnell ging die schöne Zeit im Dornbusch vorüber. Im Märchen liefe nun der Prinz zu König und Königin und hielt um die Hand ihrer Tochter an. Man hätte Hochzeitsfeierlichkeiten vorbereitet und sorgsam alle Feen des Landes eingeladen.
Wir haben andere Pläne und sind trotzdem glücklich und zufrieden.
Und weil wir nicht gestorben sind, so leben wir noch heute.