"Nicht ganz und gar vollkommen ist der tugendhafte Hund, er frisst."
(Heinrich Heine)
31. Dezember 2011
"It is finished“ oder besser: “Consummatum est”, wie wir Lateiner zu sagen pflegen. „Es ist vollbracht!“
Ein Jahr lang habe ich Tagebuch geschrieben, jetzt ist es endlich vorbei! Das Jahr ist um!
Leute, ich warne Euch eindringlich vor dem leichtfertigen Umgang mit guten Vorsätzen im neuen Jahr.
Raucht und sauft weiter wie bisher, schleppt eure überflüssigen Pfunde auch künftig mit euch rum, verzichtet wo es nur geht auf jede Art von körperlicher Bewegung … aber begebt euch nie in die Gefahr, auch nur eine dieser liebenswerten Gewohnheiten durch einen guten Vorsatz aufzugeben. Den Fluch, den ihr euch damit auferlegt, werdet ihr nie wieder los. Ich weiß, wovon ich rede.
Nie und nimmer hätte ich mich am 1. Januar 2011 darauf einlassen sollen, die Sternstunden meines Hundedaseins ein Jahr lang in Wort und Bild festzuhalten. Zugegeben, die Abstände zwischen meinen Tagebucheinträgen wurden zum Ende hin immer größer. Mehr als einmal ging mir die Luft aus. Aber ich habe immerhin 32 Beiträge geliefert, von denen einige als literarische Kostbarkeiten in die Geschichte deutschen Schriftgutes eingehen dürften.
Was war das für ein Jahr voller Chaos, Skandale, Krisen und Verluste.
Am Anfang stand das Frost- und Schneechaos. Mir ist jetzt noch kalt, wenn ich mich daran erinnere. Fast zehn Wochen lang mit Eisbart, Schneepfoten und Tiefkühlhoden auf Spurensuche in Wald und Feld … brrrrrh, dagegen haben wir heute an Silvester fast subtropische Verhältnisse.
Dann kam der Guttenberg-Skandal. Der arme Karl Theodor, wollte Weltgeschichte schreiben und hat doch nur in aller Welt abgeschrieben. Na und? Wenn ihr wüsstet, was und wen ich schon alles plagiatiert habe ...
Warum geben unsere Hoffnungsträger in der Politik nur so schnell auf? Schaut mich an: Wenn überhaupt, kommt mir der Gedanke an Rücktritt höchstens beim Fahrradfahren.
Später mussten wir uns mit Finanz-, Euro-, Schulden- und anderen Krisen herumschlagen. Die Griechen hat es am härtesten getroffen, die Italiener auch. Sie haben dabei sogar ihren "Cavaliere" verloren.
Schade, ich mochte den fröhlichen Silvio sehr. Er genoss die weiblichen Lockstoffe, war immer in Bunga-Bunga-Laune und trieb ein lustiges Spiel mit den Medien … genau wie ich.
Gegen solche Frohnaturen ist doch der kleine Nick aus Paris geradezu ein Klosterschüler, auch wenn er die Kanzlerin noch so gern auf die Backen küsst.
Zu guter Letzt hat am Jahresende auch noch Großväterchen Gottschalk den Bettel hingeworfen. „Wetten dass …“ die keinen Ersatz für ihn finden. Warum fragt mich eigentlich niemand. Ich wäre der geborene Moderator für die Sendung.
Die große Couch ist schon immer mein Lieblingsplatz, ich bin äußerst charmant, überaus unterhaltsam, witzig und hab außerdem noch viel mehr Biss als Thommy. Ich könnte bei Michelle Hunziker auf dem Schoß sitzen ... traumhaft! Das hat der große Blonde mit der langen Nase noch nie geschafft.
Doch das Jahr 2011 hatte für mich auch seine guten Seiten. Weibergeschichten noch und noch.
Ich habe Mira kennengelernt und "unter ihr" sogar einen Fotowettbewerb gewonnen. Mit diesem Bild:
Und Holly natürlich! Hessens schönstes Irish Terrier Mädchen hat mir ihre Frankfurter Heimat gezeigt, mich mit Eppelwoi und Handkäs mit Musik verwöhnt und mir zu Ehren ein großartiges Treffen mit Freunden organisiert. Nächstes Jahr im Frühling sehen wir uns wieder. Ich kann es kaum erwarten.
Viel gäbe es im Rückblick auf 2011 noch zu betrachten. Zum Beispiel, dass ich im ersten deutschen Irish Terrier Jahrbuch neunmal abgebildet bin und dort ein mehrseitiger Aufsatz über mich erschienen ist.
Jede Menge Reisen habe ich wieder unternommen, an die Schlei und zur Nordsee, nach Rathenow und ins Havelland, in den Taunus und zum Rheingau, ins Erzgebirge und nach Frankfurt natürlich. Dort ist auch mein legendäres Börsenfoto „geschossen“ worden. Wisst ihr noch?
Nun verabschiede ich mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge von meinem Tagebuch. Ab und zu schlage ich es gern wieder auf und erinnere mich mit Freude an die vielen schönen Erlebnisse.
Und vielleicht, ganz ganz ganz vielleicht, gibt es ja auch im kommenden Jahr doch noch mal ein Tagebuch … oder Monatsbuch … oder Jahrbuch oder …
28. November 2011
„Ich glaub‘ es geht schon wieder los, das darf doch wohl nicht wahr sein …“
Nein, das ist nicht mehr nur ein lustig geträllertes Liedchen vom Frauenversteher Roland Kaiser, sondern seit gestern traurige Realität in unseren eigenen vier Wänden.
Eigentlich bin ich ja mit meiner häuslichen Situation ganz zufrieden. Nichts fehlt, was das Dasein eines Hundes angenehm und bequem macht: Ich habe barrierefreien Zugang zu allen Lebensbereichen, auch jede Menge erhöhte Sitz- und Liegeplätze von feinster Beschaffenheit und mit grandiosem Ausblick auf Küche und Vorratskammer.
Zahllose Kissen, Decken und sonstige Wohnaccessoires liegen bereit, an denen ich - bei Abwesenheit der übrigen Mitbewohner - durch gefühlvolles Aufreiten meine erotischen Phantasien ausleben kann.
Selbstverständlich genieße ich einen ungehinderten Blick aus allen Fenstern, um jedes Lebewesen, das sich nur in die Nähe unserer Außenmauern wagt, lautstark in die Flucht zu jagen.
Damit ist nun Schluss! Ein dramatischer Umbruch hat sich vollzogen … „lebst Du noch oder wohnst Du schon“ lautet jetzt die Devise. Es ist Advent!
Advent kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Ankunft. Es ist ein christlicher Brauch. Aber mein „Jünger“ hier zu Hause ist konfessionslos. Religiöse Anwandlungen hat der allenfalls nach der dritten Flasche Riesling und dann auch nur in Gestalt liturgischer Gesänge.
Bei uns heißt Advent: Aufrüsten! Unser ganzes schönes Heim wird jetzt zum Hoheitsgebiet erzgebirgischen Schnitzhandwerks erklärt. Binnen kürzester Frist verwandelt sich das stilvoll möblierte Wohnzimmer in eine Jahrmarktsbude aus dem sächsischen Oberland.
Wo gestern noch in den Fensterbänken zauberhafte Orchideen schmetterlingsfarbenen Blüten an die Scheiben schmiegten, spannen jetzt protzige Lichterbögen mit skurrilen Gestalten ihren Arcus von Wand zu Wand. Jedes Fenster (JEDES!) wird zu einer geschnitzten und gedrechselten Trutzburg, in deren Vergleich die Festung Königstein einem offenen Garten ähnelt.
Selbst die kostbare gläserne Obstschale auf dem Sideboard musste einem pyramidenförmigen Karussell weichen, das mit Kerzenflammen in holprige Drehbewegungen versetzt wird und bei den aufsitzenden Figuren offenbar permanenten Brechreiz verursacht. Gleich daneben hält ein stocksteifer Nussknacker in papageienbunter Ulanenuniform maulaffenfeil und wartet auf die nächste Fütterung. Abartig, diese Großschnauze!
Engel und Bergmann stehen salzsäulengleich auf dem Regal, in jeder Hand ein Licht, welches sie in stoischer Ruhe dem Betrachter präsentieren. Was für ein ungleiches Paar! Haben solche Leute keine andere Arbeit oder sind die auch schon auf Hartz vier?
Zu allem Überdruss pafft auf dem silbernen DVD-Regal nun auch noch ein windiges Räuchermännchen schwarze Qualmwolken in die von Glühweingewürz und Zimtsternen geschwängerte Raumluft.
Gerade so, als hätte mein Hausherr beim Emissionsrechtehandel an der Leipziger Strombörse ganz vorn in der Käuferschlange gestanden – noch vor E.ON und RWE. Die Explosion meiner Geruchsnerven ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.
Auf meinen missbilligenden Blick zu der nun allabendlichen Lichtorgie erhielt ich natürlich wieder mal eine ebenso einleuchtende wie umwerfende Antwort:
„Der November ist für die Menschen ein Stimmungskiller. Morgennebel, graue Tage, Sonnenmangel, zeitige Finsternis. In den Apotheken werden die Antidepressiva knapp. Alkoholische Heißgetränke sind auch nur eine kurzfristige Lösung. Da machen wir eben eine Lichttherapie. Du siehst doch, es wirkt … bei uns haben alle gute Laune.“
Ich nicht! Ich hatte keine gute Laune - ich war elektrisiert, wie neulich beim Pinkeln am Weidezaun. Lichttherapie! Advent! Dafür bin ich austherapiert. Für mich ist der Advent Überlebenstraining bis Neujahr. Da ist auch die Silvesterknallerei vorbei … und Tagebuch brauch ich dann auch nicht mehr zu schreiben. Das Jahr ist um!
Wenn es wirklich ein Christkind gibt, habe ich nur einen einzigen Wunsch:
"Lass es schnell Neujahr werden!"
12. Oktober 2011
„Das Geraer Tierheim platzt aus allen Nähten“, stand heute bei uns in der Zeitung.
Wen wundert’s? Seit September gilt das sogenannte „Kampfhundegesetz“, diese unsägliche Verordnung des Thüringer Landtages, mit der man eine ganze Liste von Hunden nur aufgrund ihrer Rassezugehörigkeit zu Bestien erklärt, die lebenslang weggesperrt werden müssen.
Die „zartfühlenden Liebhaber“ solcher Tiere reagieren nun auf ihre Weise: Hunde werden ausgesetzt, halbverhungert an Bäumen gefesselt aufgefunden oder aus verwaisten Wohnungen geholt und dürfen von den Tierheimen nicht wieder vermittelt werden. Den Rest ihrer Tage verbringen sie in Sicherheitszwingern.
Man hat also das Hundeproblem per Gesetz von der Straße in die Heime, die Tierheime geschoben. Gelöst hat man es nicht.
Da kommt mir eine Idee: So lassen sich doch ganz andere Menschheitsprobleme aus der Welt schaffen. Das Rentnerproblem zum Beispiel!
Immer weniger Junge müssen heutzutage für immer mehr Alte die Rente aufbringen, die damit neben anderen Luxusgütern auch diverse Geh- und sonstige Fortbewegungshilfen finanzieren und so eine permanente Bedrohung des allgemeinen Straßenverkehrs darstellen.
„Ab ins Heim!“ sage ich da nur. „Alle!“
Nun ist aber der deutsche Senior ziemlich renitent und neigt zum Widerstand. Er lässt sich nicht ohne weiteres aussetzen, an einen Baum fesseln oder in leeren Unterkünften arretieren. Der Gesetzgeber täte daher gut daran, den direkten Weg zu wählen.
Rentner werden gesetzlich verpflichtet, sich in frei zugänglichen gerontologischen Einrichtungen - also Apotheken, Mercedes-Autohäusern oder Fußpflegesalons - chippen zu lassen, einen Impfausweis und die persönliche Steuermarke in Empfang zu nehmen und umgehend das nächstgelegene Altenheim aufzusuchen.
Dort könnte man sie nach Einziehung aller Vermögensgegenstände je nach Widerristhöhe, Gewicht oder Gebisszustand in Gefahrengruppen einteilen und in entsprechenden Sicherheitstrakten verwahren. Auf Verbotshinweise wie „Bitte nicht füttern!“ würde ich verzichten, denn von irgendwas müssen selbst Veteranen leben. Das ist bei Menschen nicht anders als bei uns Hunden.
Mein Seniorpartner war schockiert als ich ihm seine nähere Zukunft vor Augen hielt und wies meinen Vorschlag empört zurück. Er wäre freilich einer der zuerst Betroffenen. „Man kann doch nicht ganze Gruppen einer Gattung einfach wegsperren, nur weil ihre Charakteristik nicht in unser Weltbild passt. Bist Du verrückt geworden?“
„Ach nee? Aber eure Volksvertreter dürfen das mit uns Hunden … ohne dass man ihre geistigen Fähigkeiten in Frage stellt?“
Um des lieben Friedens Willens lenkte ich dann doch ein. „Okay, das mit den Rentnern war vielleicht nicht ganz so passend von mir.“ Sofort heiterte sich seine Miene auf und ein gütiger Blick streifte meinen Körper.
Aber ich gab noch nicht auf: „Nehmen wir halt die Investmentbanker und Hedgefonds-Verwalter. Die haben uns die Finanzkrise beschert und allein schon deshalb eine lebenslängliche Zwingerhaltung verdient.“
Der handliche Locher, mit dem er gerade seine Kontoauszüge abheftete, traf mich genau zwischen die Schulterblätter, zum Glück aber nur mit der gummierten Unterseite.
„Kilkenny's Highlander" - wenn er mich mit meinem Adelsnamen anspricht wird es meist sehr ungemütlich - "bist Du wahnsinnig? Und was wird dann mit unserem Wertpapierdepot bei der Sparkasse?
Willst Du Dich künftig von Küchenabfällen ernähren oder Deine teure Elchlederleine gegen einen Hanfstrick eintauschen? Ich jedenfalls werde nicht auf die wöchentliche Weinverkostung in meiner Selbsthilfegruppe verzichten!“
Boah … das waren allerdings auch für mich sehr schwerwiegende materielle Argumente, die er da ins Feld führte.
Wir haben uns dann auf einen Kompromiss geeinigt und werden dem Tierheim eine großzügige Spende zukommen lassen. Zwar bringen wir damit unsere Provinzpolitiker nicht zur Vernunft, können aber vielleicht das Leben der von ihnen verurteilten Hunde ein bisschen erträglicher machen.